Montag, 14. März 2011

an der Ampel

Ich stehe mal wieder an einer roten Ampel und warte darauf, dass ich die Straße mit meinem Rad überqueren darf. Autos und Lastwagen brausen an mir vorbei - ich bin in Gedanken und schaue dem Verkehr zu.
Da sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung rechts neben mir. Eine Hand ist aufgetaucht und hält sich über meiner eigenen am Ampelmast fest, an der Hand ein Arm, der zu einem Radfahrer gehört: ein älterer Mann, grau- und langhaarig, der zusammengebundene Zopf schaut unter dem schnittigen Helm hervor und liegt auf seinem Rücken auf, der Radfahrer von oben bis unten in enganliegender Radlerkleidung. Ein Sportler.
Die Betrachtung dauert nur einen Augenblick. Man will ja wissen, wer da neben einem steht. Glotzen dagegen ist unhöflich und in diesem Falle auch gar nicht nötig, der Mann ist eben nur ein Radfahrer wie viele andere auch.
Trotzdem findet mein Blick zurück auf seine Hand. Er trägt diese sportlichen Handschuhe, die die Finger frei lassen und seine Finger sind es, die mich bannen. Sie scheinen viel jünger als sein restliches - ohne Frage sportliches und fittes - Erscheinungsbild.
Sie wirken weich, doch kraftvoll. Es sind irgendwie nette Finger.
Auf der Oberseite seines Zeigefingers eine Narbe, nein zwei, die sich überkreuzen. Als hätte jemand den Finger markiert.
In mir keimt die Idee, mit meinem eigenen Zeigefinger diese Markierung zu berühren. Mal zu fühlen, wie diese hellen Striche sich anfassen.
Unmöglich sowas. Das macht man nicht.
Der Wunsch aber bleibt - verstärkt sich: Mach mal!
Ich lächle über diese Idee.
Es wird Grün. Die Hand findet zurück auf das Lenkrad des Nebenmannes, er fährt los.
Ich seufze. Und fahre dann auch.

Kommentare:

Frau Vau hat gesagt…

Irgendwie schade, dass man solchen Versuchungen dann doch nicht nachgibt :-) Mich hätte interessiert, wie die Reaktion gewesen wäre.

mkh hat gesagt…

Kinder - machen das. Haben uns wohl irgendwas voraus!

Träger des Lichts hat gesagt…

Vermutlich hätte es in einem sanften Lächeln geendet und in einer weiteren Geschichte, jene die der sportliche Herr nun hätte erzählen können. Seinen Enkeln vielleicht, die dabei gleichfalls seine Narbe berührten und anschließend wohl auch die Geschichte verlangt hätten, wie diese eigentlich enstanden sei. Sie haben, liebe Frau Meise, wohl einfach nur eine narrative Kettenreaktion verhindert ;-)

Meise hat gesagt…

@Frau Vau:
Vermutlich hätte er erstmal erschreckt die Hand weggezogen... um mich dann im besten Falle überrascht anzusehen. Vielleicht wäre grad dann Grün geworden und ich wäre schnell vor ihm gestartet, um meiner Grenzüberschreitung zu entkommen... Wer weiß, wer weiß? ;)

@mkh:
Und ihnen verzeiht man es mit einem Lächeln. Bei Erwachsenen ruft es wahrscheinlich zunächst mal Befremden hervor und vielleicht auch die Frage danach, ob man noch alle Tassen im Schrank hat.
Wie schade, dass man sich mit solchen Schranken umgibt.

@Lichtträger:
Was hätte wohl Narrativum hier bewirkt, werter Lichtträger? ;)

Georg hat gesagt…

Rollentausch:
Er, "alter Sack", berührt die Hand einer jungen Frau die an der Ampel neben ihm steht...

Aus der Sache kommst Du so schnell nicht wieder raus. Polizeieinsatz inklusive.

Alles richtig gemacht Meise.

Ismiwurszt hat gesagt…

Hmm, nachdem ich eine alte Säckin bin, frach ich mich, watt ich bei einem Rollentausch gemacht hätte...
Ich weiß es nich. Ich weiß es wirklich nich. Ein interessanter Gedanke.
Nachdem meine seltsamsten Narben sich jedoch auf einem nahezu stets bedeckten Bein befinden, öhm, hätte das ganze wohl eher nich stattgefunden.
Vielleicht sollte ich mir ein Kreuz in den Finger ritzen *grübel*....
Eine Feldstudie....

Meise hat gesagt…

@Georg:
Nunja, wegen des Berührens der Hand würd ich nicht gleich die Polizei alarmieren.
Ich kann natürlich nicht für grauhaarige Radfahrer sprechen. ;)

@Frau Ismi:
Neinnein, Frau Ismi, schnitzen Sie bloß nicht an Ihrem Finger rum. Dann tricksen Sie doch lieber mit nem Stift. ;)

Georg hat gesagt…

Du glaubst ja gar nicht was dann los wäre. Wie gesagt: Frau berührt Mann: noch akzeptiert.

Alter Mann berührt Frau: Großes Geschrei. Wetten...

Meise hat gesagt…

Ist mir schon passiert, mein Lieber! Und da war's nicht der Finger oder die Hand.
Geschrei gab's nicht.
Polizei auch nicht.
Dafür ne saftige Ohrfeige.

mkh hat gesagt…

Du musst natürlich einkalkulieren, liebe Meise, dass der gute sportliche Mann, sobald er seine junge Narbenhand reflexartig von der Ampelstange weggezogen hätte, mitsamt seinem spotlichen Fahrrad umgeplumpst wäre, selbstverständlich genau auf deine Seite, wodurch du mit deinem Radl... Na, lassen wir das. Aber ich erinnere, dass genau so und auf diese Weise die gänzlich unvorhergesehenen Geschichten
entstehen können...

Meise hat gesagt…

Hihihi, stümpt.