Donnerstag, 11. November 2010

Lena und Goethe - VI


Lena wusste nicht, wie sie weiter vorgehen sollte.
Warum verlor er sich so in dieser Sache?
Vielleicht hatte Goethe Susanne wirklich und wahrhaftig geliebt. Vielleicht war sie die Liebe seines Lebens (was Lena unbedingt bezweifeln wollte, denn Susanne war in Lenas Augen kein „toller“ Mensch). Und vielleicht war es gut, darum zu trauern, dass er diesen Menschen verloren hatte.
Aber so?
Lena wollte wetten, dass Goethe schon lange in diesem Zustand steckte und sich auf seine Art damit arrangiert hatte.
Okay: Jeder muss mal zurückstecken, jeder muss mal einstecken, jeder muss mal jemanden gehen lassen. Immer wieder. Aber deswegen war man selbst doch nicht weniger man selbst.
Er war wirklich ein Häuflein Elend. Buchstäblich.
Sie fühlte, dass weitere Worte hier verloren waren. Und sie war langsam aber sicher wütend auf ihn! Nicht nur, dass er sich selbst so gehen ließ, er schien sein Elend auch auf sie übertragen zu wollen. Er schien zu wollen, dass sie so empfand wie er, es irgendwie mit ihm teilte.
Aber das konnte sie nicht – und sie wollte es auch nicht!
"Das reicht jetzt!" fauchte sie ihn an und stand auf. "Du kommst jetzt mit!"
Sie packte ihn am Ärmel, zog ihn hinter sich her in den Flur. Nicht auf seinen offenstehenden Mund achtend, griff sie seine Jacke von der Garderobe und warf sie ihm in die Arme, die automatisch zugriffen.
"Anziehen!" befahl sie.
Er starrte sie nur weiterhin ungläubig an.
"Wir gehen jetzt aus!" informierte sie ihn bissig. "Du wirst keinen Spaß daran finden und du wirst dich weiterhin in deinem Elend suhlen, aber es wird wenigstens nicht hier sein!"
Er nickte, großäugig, ergeben. Irgendetwas daran schien er zu verstehen.
 "Eines musst du dir klar machen: Sie spielt keine Rolle mehr! Die wahre Bedeutung dessen musst du dir leider erst noch erarbeiten! Aber das wirst du. Das wirst du."
Sie nickte. Ganz für sich selbst. Dann zog sie ihn zur Tür hinaus.

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