Samstag, 13. November 2010

Der Nebenraum


Marion stellten sich die Nackenhaare auf.
Sie stand in der Türfüllung zu dem kleinen, vollgestopften Nebenraum und wusste nicht, warum sie plötzlich so erstarrte, warum ihre Füße sich weigerten, diesen Raum zu betreten.
Eine Erklärung könnte sein, dass sie sich hier in der Wohnung ihres gerade verstorbenen Patenonkels befand. Aber sie spürte, dass es nicht das war. Der Rest der Wohnung war irgendwie…. egal. Es war dieser kleine Raum, der ihr eine Gänsehaut verursachte.
Ihre Mutter war emsig dabei, eines der Regale nach dem Ordner zu durchforsten, den die Angehörigen ihres Patenonkels brauchten.
Marion war nicht mit ihrem Patenonkel verwandt. Trotzdem hatte ihre Mutter sich in den letzten Wochen darum gekümmert, dass dieser im Krankenhaus immer frische Kleidung hatte; sie hatte die Blumen in der Wohnung gegossen und hatte Botengänge für ihn erledigt.
Ihre Mutter kümmerte sich um viele, die alt und gebrechlich waren und deren Verwandte scheinbar nie zu Hand waren.
Marion selbst war nur einmal mitgegangen, um zu helfen. Sie war auch nur einmal bei ihm im Krankenhaus gewesen. Irgendwie hatte sie keine richtige Beziehung zu ihm gehabt und sie hatte auch nicht damit gerechnet, dass er sterben würde.
"Was ist?"
Ihre Mutter stand vor ihr, den gesuchten Ordner in ihrer Hand.
Marion wich zurück, machte Platz.
Es gab nicht viel zu tun. Ein letztes Mal die Blumen gießen, obwohl abzusehen war, dass die Verwandten ihres Patenonkels diese bestimmt einfach wegschmeißen würden.
Während ihre Mutter mit der kleinen Messinggießkanne durch die Wohnung huschte, drückte sich Marion nach wie vor im Flur herum und äugte nervös in den kleinen Nebenraum.
Aus irgendeinem Grunde wirkte er auf sie jetzt noch unheimlicher. Die halb offene Tür ließ den Blick auf die vollgestopften Regale zu, dazwischen eingequetscht befand sich eine kleine Pritsche, darauf eine alte, rote Karodecke und ein pralles, altertümliches Kissen mit weißen Spitzen. Diese Pritsche war es, die sie bannte. Irgendetwas wollte sie ihr erzählen.
Wieder ergoss sich ein Schaudern ihren Rücken hinunter. War noch jemand hier…?
Sie hörte auf zu denken, denn sie wollte nicht denken, was sie dachte. Nein.
"Komm, lass uns gehen." sagte ihre Mutter und drückte ihr den Jutebeutel mit dem Ordner in die Hand. "Wir sind hier fertig."
Marion stieß die Luft aus, die sie, so schien es, die ganze Zeit über angehalten hatte.
Ja. Raus hier, raus.

Und das Gefühl blieb zurück, folgte ihr nicht.

Kommentare:

Frau Vivaldi hat gesagt…

...gibts noch 'ne Auflösung..? Wäre gespannt...

Ismiwurszt hat gesagt…

Mich gruselts...

Meise hat gesagt…

@Frau Vau:
Ich weiß noch nicht, liebe Frau Vau. Eigentlich ist diese kleine Geschichte ohne Fortsetzung gedacht. :(

@Frau Ismi:
Dann hab ich tatsächlich das erreicht, was ich wollte. :)

mkh hat gesagt…

Ja, die Gänsehaut kam an!

Erstaunlich, wie nur die Kleine wahrnehmen konnte, dass ihr verstorbener Patenonkel nach den langen Wochen im Krankenhaus nun noch einmal in seine alte Wohnung zurückgekehrt war, sich auf seiner gemütlichen Pritsche niedergelassen hatte und leise lächelnd zum Türspalt hinaus sah - direkt in die junge Seele Marions.

Meise hat gesagt…

Fein. :)
Und danke.