Mittwoch, 17. November 2010

Das Grau im Kopf

Traurig schaute Katja dem Fremden hinterher, der sich geschmeidig und elegant zwischen den dichtgedrängten Bistrotischen und -stühlen hindurch bewegte.
Warum nur hatte sie ihn abblitzen lassen? Er war so höflich gewesen und schließlich hatte sie ihn die ganze Zeit angestarrt.
Er war aber auch irgendwie zu nett, zu gutaussehend, zu sehr mit sich im Einklang, und in ihrem Kopf war er aus einer anderen Welt - unerreichbar.
Sie konnte nichtmal sagen, was es genau war, das ihn für ihr Verständnis so über sie erhob. War es, dass er sich so wohl in seiner Haut zu fühlen schien und das so selbstverständlich? War es, dass er  mit seinen Bekannten, die vor ihm aufgebrochen waren, während er noch behaglich zurückgelehnt seinen Kaffee austrank, so herzlich umgegangen war? Auch im Umgang mit den Kellnerinnen hatte er sich auf ausgesprochen höfliche Art und Weise und doch unbemüht artikuliert, da war nichts aufgesetzt. War es, weil er so aufmerksam war, so selbstverständlich aufmerksam, mit einem Lächeln, das ihn ganz erstrahlen ließ und auch auf diejenigen überging, mit denen er sprach?
Wahrscheinlich war es das alles.
Katja hatte verzaubert hingeschaut und eine andere Welt geatmet, die nichts mit ihrer eigenen zu tun zu haben schien. Sie hatte sich für ein heimliches Sekündchen gewünscht, dass er auch auf sie seinen Schein fallen lassen würde, damit auch sie einmal erstrahlen könnte...
Sie kannte es so ganz anders.
Sie kannte es, abschätzig behandelt zu werden, kleingemacht, heruntergemacht und mit eifersüchtigem Auge bewacht, dass dies so blieb. Sie war es gewohnt, dass Männer sie und ihre Meinung gering schätzten. Sie war es vor allem gewohnt, sich selbst auch so zu sehen. Wer war sie denn schon? Eine graue Maus.
Umso erschreckender war es, als seine strahlenden Augen auf sie fielen, die Wärme in seinem Lächeln tatsächlich ihr galt und er sie angesprochen und gefragt hatte, ob er sich vielleicht zu ihr setzen dürfe.
Sei hatte Angst gehabt, vor diesem Glanz nicht bestehen zu können.
Sie hatte den Kopf geschüttelt, sich in sich verkrochen, den Blick hölzern auf ihren Milchkaffee gerichtet, während er sich höflich für sein Stören entschuldigte.
Als Stühlerücken ihr verriet, dass sie gefahrlos wieder aufsehen konnte, blickte sie ihm trauernd hinterher.

Kommentare:

mkh hat gesagt…

Oi... - Manchmal wird man von anderen Menschen höher geschätzt als man dies selber tun kann.

Ein wirklich schönes Geschichtenfragment!

Meise hat gesagt…

Danke schön. :)