Freitag, 15. Januar 2010

Gleich vorbei...

Simone lag still und atmete langsam und gleichmäßig. Sie hatte Richard den Rücken zugedreht und stellte sich schlafend. Sie spürte, dass er noch wach war. Vor einer Viertelstunde war er ins Schlafzimmer gekommen und hatte sich keine Mühe gemacht, leise zu sein, während er sich auszog, sich dann ins Bett neben sie legte und dann das Licht an seinem Nachttisch löschte. Jetzt lag er da und lauschte wohl auf ihren Atem.
Simone konzentrierte sich. Ruhig atmen! Tief aber langsam atmen!
Ihr Herz klopfte.
Richard regte sich hinter ihr.
"Simone?" raunte er nahe an ihrem Ohr. Beinahe wäre sie zusammengezuckt. "Bist du wach?"
Sie atmete weiter, versuchte, einen entspannten Eindruck zu machen. Jetzt bloß nicht verkrampfen! Das würde er sehen.
Richard grunzte missmutig, ließ sich in sein Kissen zurückfallen.
Sie hoffte so sehr, dass er heute zu müde war, es für heute drangab und sich einfach auf seine Schlafseite legte.
Bettzeug raschelte. Er rückte an sie heran.
Sie spürte, dass sich ihre Bettdecke an ihrem Rücken leicht anhob. Seine Hand glitt zu ihr hinein und über ihre Hüfte, suchte das Bündchen ihrer Pyjamahose und fuhr vorsichtig tastend darunter.
Simone war erstarrt. Nein. Bitte.
Richard rückte noch näher heran. Sein Atem ging schneller. Während seine Linke unaufhaltsam tiefer kroch, spürte sie, dass er mit der Rechten bei sich selbst Hand anlegte. Sein Keuchen fuhr ihr in den Nacken.
Simone wusste, dass sie sich trotzdem nicht rühren durfte. Würde sie zeigen, dass sie wach war, gäbe es das volle Programm. Würde sie einfach liegen bleiben, würde er nur an ihr herummachen und sich dabei selbst befriedigen, auch wenn er mit Sicherheit wusste, dass sie gar nicht schlief.
Ihn aber abzuweisen, den Fehler würde sie nicht wieder machen. Seiner Überzeugung nach hatte er ein Recht hierauf!
Nur nicht bewegen, es ist sicher gleich vorbei...

Kommentare:

mkh hat gesagt…

Ich befürchte, so etwa läuft das in vielen ehelichen und unehelichen Beziehungen. Fragt sich, wie das (männliche?) Modul 1dieses Abhängigkeitskomplexes Druck ausübt: körperliche Gewalt? emotional? materiell? Warum macht das (weibliche?) Modul 2 die Sache mit? Und welche Formen vonGewalt, Abhängigkeiten, Machtkonstellationen, Druck etc. pp. gibt es denn so im alltäglichen "Liebes"- und Beziehungsleben?!? Ein weites, weites Feld... - Guter Text!

GZi hat gesagt…

Man(n) nimmt sich, was man(n) braucht, auch allein... Ist man(n) ansprechbar (wach), muss man(n) aktiv mitmachen, auch wenn man(n) nicht möchte oder vielleicht gar nicht kann. Das Schlimmste aber ist die Äußerung, dass man(n) nicht mitmachen möchte/kann. Das wird nicht verstanden, kann nicht akzeptiert, erst recht nicht respektiert werden, sondern wird als Zurückweisung, Demütigung (miß-)interpretiert. Einzige Lösung: Schlafendstellen, Schweigen, Tabuisierung des Problems ... Man(n) kann beide Positionen mit beiden Geschlechtern besetzen. Es muss nicht nur Sex das Thema sein. Man(n) kann sich auch "schlafend" stellen, wenn es um Aufgaben oder Verantwortungsübernahme geht. Wie mkh sagt: ein weites, weites vielschichtiges Thema...

Meise hat gesagt…

@mkh und GZi:
Schöne Kommentare, ihr beiden, die ich meinerseits gar nicht weiter kommentieren möchte, denn sie treffen.
Was mich wiederum stolz macht, dass ich richtig beschrieben habe.

Fräulein Wunder hat gesagt…

uuuah da läuft es mir eiskalt den Rücken runter.
Ich wünsche allen Frauen, die sich auch nur ein einziges Mal in dieser Situation befinden den Mut und die Kraft auszubrechen!

charlieblue hat gesagt…

Ich hoffe, daß ich nie so einen "Freund" haben werde...

Meise hat gesagt…

@Fräulein Wunder:
Ganz genau!

@charlieblue:
Ich denke, man hat es selbst in der Hand, ob man nach so einem Vorfall noch so einen "Freund" hat.
Allerdings passiert so ein "Vorfall" nicht von jetzt auf gleich. Sowas schleicht sich ein - Stillhalten kann zur Gewohnheit werden, in allen Bereichen, nicht nur in der geschilderten Geschichte.

Meise hat gesagt…

@charlieblue:
Und willkommen hier auf der Meisenseite. ;)