Mittwoch, 18. November 2009

Sich verträumt

Kathrin blickte zum wiederholten Male auf die Uhr. Erst halb acht.
Sie spielte mit der Fernbedienung in ihrer Hand und schaltete von einem Kanal zum nächsten. Eigentlich interessierte sie nichts. Sie wollte nur die Zeit totschlagen.
Bis es endlich spät genug war.
Spät genug, um ihrem schlechten Gewissen die Uhrzeit entgegenhalten zu können, als Beweis, dass sie doch nun endlich nachgeben dürfe, ihrem Geheimnis, ihrer Sehnsucht.
Eigentlich war es doch auch egal, oder? Wann sie ins Bett ging, wann sie diese triste graue Welt hinter sich ließ. Diese Welt interessierte sich doch nicht für sie, für Kathrin, die Träumerin.
Eigentlich träumte sie ja nicht nur, wenn sie sich zum Schlafen legte.
Eigentlich träumte sie immer, wenn sie nur mal ein paar Minuten Leerlauf im Kopf hatte.
Dann nahm sie Zuflucht zu den ihr Vertrauten, den Stimmen, den Personen, die sie ersponnen hatte.
Doch seit ein paar Wochen war alles anders.
Da war sie ihm begegnet. In Wirklichkeit. In der realen Welt.
Und seitdem träumte sie nur noch von ihm.
Wie er sich wohl anfühlen würde, wie er wohl riechen würde, wie es wäre, wenn er sie ansehen würde, berühren...
Verdammt, die Zeiger bewegten sich aber auch kein Stück!!
Sie wollte zu ihm. Und irgendwie war es nicht richtig für sie, wenn sie am falschen Ort von ihm träumte.
Die Stimmen in ihrem Kopf waren eifersüchtig, wollten mit dem Neuen nichts zu tun haben, verschworen sich gegen ihn. Den ganzen Tag wetterten sie gegen Kathrins vage Versuche an, wenigstens die Erinnerung an ihn heraufzubeschwören.
Abends aber, im Bett, wohlig warm, verstummten sie, blieben vor ihrer Schlafzimmertüre zurück, schmollend, beleidigt. Hier schloss sie die Augen, schmiegte ihre Wange in das weiche Kissen und ließ ihn aus ihrem Gedächtnis tröpfeln, bis ein See aus warmer Zufriedenheit endlich ihn widerspiegelte.

Zehn vor acht.
Kathrin fluchte, schaltete den Fernseher aus und warf die Fernbedienung auf den Couchtisch. Still saß sie da. In ihrer Wohnung tat sich kein Laut. Jetzt waren ein paar Schritte ihres Nachbarn über ihr zu hören, er ging aus dem Raum, das Tappen verklang.
Warum ging sie nicht einfach schon jetzt zu Bett? Was hielt sie?
War es die neue Stimme in ihrem Kopf? Die Kollegin, die ihr heute - so ganz nebenbei - gesagt hatte "Du verträumst noch dein ganzes Leben!", das Widerhallen dieser Worte?
Dieser ganz harmlose Satz hatte ihr wehgetan.
Doch warum?
Sie hatte ihre Träume immer geliebt. Vor allem ihn. Diesen beglückenden...
Aber jetzt war irgendwas falsch.
Da stimmte was nicht.
Etwas bannte sie, verhinderte, dass sie aufstand. Sie saß fest.

Die Uhr ihres Nachbarn schlug zwölf.
Kathrin schniefte und als sie sich mit dem Handrücken die Nase entlangfuhr, merkte sie, dass ihr Tränen das Gesicht hinabliefen.
Etwas in ihr brach.
Brach sich Bahn.
Die Erkenntnis, dass sie sich verträumt hatte, in die Irre geträumt...

Kommentare:

Georg hat gesagt…

...schön

mkh hat gesagt…

Na dann @ Kathrin. Aufsteh´n. Neue Wege ausprobieren. Veränderung kann jeden Tag baginnen. Alles gut für den Neustart - Kathrin!

mkh hat gesagt…

a = e

Meise hat gesagt…

Na, ich denke um Kathrin müssen wir uns keine Sorgen machen.
Bestimmt spricht sie den Rätselhaften demnächst mal an.

Aber kleiner Hinweis für die, die vielleicht hier zwischen Zeilen lesen möchten:
Kathrin ist meinem Kopfe entsprungen und rein fiktiv!

mkh hat gesagt…

Ja, so - fiktiv! - hatte ich es auch verstanden.

Doof irgendwie, wenn man am nächsten Tag feststellt, wie man sich in der Nacht kopfmüde völlig vertippt hat: "...alles gut..." - na toll. 8)

Meise hat gesagt…

*lach*
Es ist alles im grünen Bereich. ;)
Ich wollte nur sichergehen, dass das Label "Schreiben" von anderen als fiktiv gewertet wird und nicht als autobiografisch.