Samstag, 8. August 2009

Aufwand

Paula war verzweifelt.
Woher sollte sie nur das Geld bekommen?
Sie hatte festgestellt, dass sich wieder ein dickes Minus auf ihrem Konto angesammelt hatte.
Viel zu sorglos war sie die letzten Wochen damit umgegangen, hatte keine Kontoauszüge beachtet, nur immer Geld ausgegeben. Und gerade jetzt brauchte sie welches.
Ihr Vater würde ihr keines borgen, das wusste sie. Dieser hatte den Standpunkt, dass ein jeder selbst aus seiner Misere herauszufinden hatte. "Mir hat auch nie jemand geholfen!", war sein üblicher Spruch. Als würde sie dies anspornen können. Es beschämte sie nur. Und hinterließ in ihr einen bitteren Nachgeschmack des Verlorenseins und Versagthabens.
Sie hatte bereits einen Kredit aufgenommen - vor kurzem - und über den "Geldsegen" ihre eigentlich Geldsorgen für drei, vier Wochen vergessen. Sie hatte sich neue Schuhe, neue Kleidung zugelegt. Nicht unnötig, nein, aber teilweise zu Preisen, die sonst für sie nicht infrage gekommen wären. Sie hatte es so nötig gehabt, sich das wert zu sein.

Und jetzt wollte Dieter Geld von ihr.
Dieter war ihr Ex.
Exfreund.
Wobei "Freund" eigentlich das falsche Wort für ihn war. Er war nie wirklich freundlich zu ihr gewesen.
Sie wusste nichtmal mehr, wie sie an ihn geraten war. Auf irgendeinem Straßenfest hatte sie ihn kennengelernt, war auf einmal da gewesen, hatte sie umschmeichelt. Sie hatte ihn aufregend gefunden, anziehend, männlich. Er war viel zu schnell in ihrem Bett und ihrem Leben gelandet, hatte sich eingenistet und die Führung übernommen.
Ihre Freunde waren bald abgeschrieben, vor allem Silke, ihre beste Freundin. Dieter mochte sie nicht. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Irgendwann sprach Dieter das erste Mal ein Verbot aus. "Du gehst nicht zu Silke!" Sie hatte ihn nur ungläubig und auch etwas ängstlich angestarrt, worauf er den Beschluss ehern machte: "Die ist nix für dich! Vergiss diese Emanzenschlampe!"

Paula hielt sich an Dieters Vorgaben. Befehle.
Und überzeugte sich krampfhaft jeden Tag selbst, dass sie es gut bei ihm hatte, kümmerte er sich doch darum, dass die Wohnung renoviert wurde, neue Möbel gekauft wurden, eine bombastische Hifi-Anlage mit Surround-Sound, einen Riesenfernseher und andere Dinge, von denen sie nichts verstand. Und sie bekam Dessous von ihm. Bald hatte sie mehr Reizwäsche als normale Kleidung. Allerdings war dies ein Punkt, den sie gerne ausblendete, denn Dieter wollte grundsätzlich jeden Tag. Da zählten keine Unpässlichkeiten und auch nicht, ob sie eigentlich wollte.

Dieter nahm sie vollends ein.
Und sie gab sich auf.

Bis irgendwann eines Samstagabends eine schlacksige Brünette vor ihrer Türe stand, den Dieter lautstark verlangte und bevor dieser überhaupt erscheinen konnte, schon im Hausflur herumkreischte, dass Dieter zu ihr gehöre, dass sie, Paula, sich gefälligst jemand anderen suchen solle.
Während Dieter die Schlacksige beschimpfte und diese Dieter mit Krallenfingern bearbeitete und aus der Türfüllung zog, sann Paula nach, inwiefern sie sich den Dieter "ausgesucht" hatte und ob es nicht vielleicht doch umgekehrt gewesen war.
Irgendwas rastete in ihrem Gehirn ein. Oder aus. Sie fuhr auf der Ferse herum, warf die Tür zu und schloss ab.
Dieter stand draußen im Hausflur. Mit der Schlacksigen. Er rammte sich brüllend und zornesgeifernd gegen die Tür und die Schlacksige sang abwechselnd Locktöne und Hysteriearien.
Paula stand nur da und beobachtete das Beben der Wohnungstüre.

Paula hatte versucht, ihn aus ihrem Leben auszuschließen.
Aber er war clever gewesen. Er hatte per Anwalt durchsetzen können, dass er Zugang zur Wohnung bekam, die gekauften Sachen herausschaffen konnte, und wie von Zauberhand waren Schulden aufgetaucht, die auf ihren Namen liefen.

Und jetzt hatte er erneut Geld gefordert. Für die Arbeit, die er geleistet hatte. Fein säuberlich hatte er die Stunden aufgelistet, die er in die Renovierung "investiert" hatte. Als hätte er selbst nie dort gewohnt, alles nur für sie und in ihrem Auftrag gemacht.
Er drohte, ihr das Leben zur Hölle zu machen, wenn sie seinen Aufwand nicht entlohnen würde.
Und Paula würde zahlen.
Irgendwie.
Ob es rechtens war oder nicht.
Das wusste sie.
Und vor allem: das wusste er.

Kommentare:

Lily hat gesagt…

Bringt sie ihn eines Tages um? Bitte...

Meise hat gesagt…

Wer weiß, wer weiß... ;)