Dienstag, 7. Juli 2009

Kein Teil dieser Welt

Sie war hier verkehrt. Sie gehörte hier nicht hin, das wusste sie genau.

Es hatte mal eine Zeit gegeben, als sie sich "richtig" gefühlt hatte, als sie am rechten Platz gewesen war, im Einklang mit sich... und ihrem angebeteten Ehemann.
Damals war alles richtig.
Zwar schimpfte ihr Mann über die Politiker, die Gewerkschafter, über die Wirtschaft, ach, über alles, worüber er in der Zeitung las. Sie hing an seinen Lippen. Es war egal, aus welchem Grunde sie sich bewegten, zitterten, sich schürzten, aufeinanderpressten - sie liebte diese Lippen.
Sie liebte den Klang seiner Stimme, die Vibrationen, die sie erzeugte: dieses beruhigende Brummen, das sich in ihrem Inneren fortsetzte, widerhallte, wenn sie sich an seinen Brustkorb schmiegte.

Zuletzt hatte sie ihm aus der Zeitung vorgelesen, über die Ereignisse der Welt gewettert, wie er es sonst getan hätte, für ihn. Er hatte keine Kraft mehr, die Zeitung zu halten. Seine Augen vermochten es nicht mehr, den Buchstabenzeilen zu folgen. Selbst seine wunderbare Stimme sollte sie nicht mehr hören - es war kein Atem übrig, er schwankte nur noch von einem zum nächsten Atemzug.
Viel zu früh war er gegangen und ließ sie zurück in dieser Welt, die ohne ihn farblos war, sich änderte und formte - ohne sie.
Sie nahm keinen Anteil, alles wurde ihr fremd.

Heute wunderte sie sich manchmal, wieviel Zeit seitdem vergangen war, wie alt sie geworden war.
Die Jahre hatten ihren Rhythmus gehabt, jede Jahreszeit hatte andere Anforderungen an sie gestellt. Andere Pflanzen und Blumen waren auf das Grab zu setzen, alles hatte perfekt zu sein, der Grabstein sauber zu schrubben, die Schnecken und Kaninchen zu vertreiben und auch die wurzelfressenden Maulwürfe. Sie kämpfte mit dem Laub und Ästen, die auf das Grab fielen, mit der Trockenheit im Sommer.
An jedem einzelnen Tag war sie dort, kümmerte sich.
Sie brachte sogar ab und zu den Eichhörnchen ein paar Nüsse mit.
Gerne saß sie in Sichtweite des Grabes auf einer Bank, die durch das Laub fallenden Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht. Der Gesang und das Gezwitscher der Vögel umgab sie und sie erfühlte die Erinnerung an ihn, gab sich ihr hin, mittlerweile rein und ohne bittere Tränen vergießen zu müssen. Und sie sprach mit ihm.
Die Winter waren hart. Es gab wenig zu tun und der Aufenthalt war schmerzhaft, die Kälte kroch zu schnell in sie hinein. Trotzdem war sie selbst bei Glatteis und Schnee dort, wenigstens kurz.

Vor einem halben Jahr war das Grab neu belegt worden.
Sie hatte im Vorfeld einen Brief der Friedhofsverwaltung erhalten, mit der Frage, ob sie das Grab für weitere 20 Jahre kaufen wolle, doch sie hatte das Geld dafür nicht.
Und jetzt war dies das Grab eines anderen, sie selbst ein Fremdkörper, wenn sie verloren davorstand, nach ihrem Ehemann suchend, starren Blicks auf dem Friedhof ins Leere laufend - ziellos.

Nachdem sie eingesehen hatte, dass sie dort nichts mehr zu suchen hatte, nichts finden würde, saß sie häufig im Park auf einer Bank, sah Frauen mit Kinderwagen vorbeiziehen, fußballspielende Kinder auf den Wiesen, Hundehalter mit ihren hechelnden Tieren und überhörte mühsam die pöbelnden, Bierflaschen haltenden Jugendlichen.
Es gab auch hier Eichhörnchen und Vögel, aber auf bestürzende Weise war all dies "falsch" für sie, wirkte unecht, erreichte ihr Inneres nicht.

Dies war nicht ihre Welt. War sie nie gewesen.
Sie hatte nie Anteil genommen.

Er war ihr alles gewesen.

Er fehlte ihr so sehr.

Kommentare:

Falcon hat gesagt…

Oh, liebe Meise. Sehr anrührend.

Meise hat gesagt…

:)

mkh hat gesagt…

Oh-oh. Sich derart in einem Menschen zu verlieren. Ob das "richtig" ist?

Aber eine sehr traurige, wirklich sehr anrührende Geschichte, und sehr gut, kurz und knapp und gnadenlos geschrieben.
Traurig schön.

Meise hat gesagt…

Kurz und knapp:
1. Nein.
2. Danke für die schmeichelhafte Kritik. :)

JayNightwind hat gesagt…

Der Tod ist wohl zur Zeit überall sehr gegenwärtig. Ich hoffe, das ist kein Vorzeichen.
Ich hoffe, du findest bald Anlass etwas fröhliches zu schreiben.

Meise hat gesagt…

Diese kleine Geschichte ist nicht aus einer traurigen Stimmung heraus geschrieben.
Aber sobald ich was Fröhliches geschrieben habe, sag ich dir bescheid. ;)