Dienstag, 9. Dezember 2008

Lena & Goethe - III

Lena seufzte innerlich. Sie musste ihm ungeheuer gefühllos vorkommen und irgendwie stimmte das in diesem Falle auch. Sie hatte Susanne nie leiden können und beglückwünschte ihn heimlich, still und leise dazu, dass er sie los war. Wobei... wirklich kennengelernt hatte sie Susanne eigentlich nicht, vielleicht war sie ja gar nicht so eine Zicke gewesen, wie sie immer gedacht hatte. Goethe hatte sich schließlich nie über sie beklagt oder von Streit oder Problemen berichtet. Also, was wusste Lena schon?
Dass er sich aber als "nutzlos" titulierte, weil diese schnöde Schönheit ihn verlassen hatte, wollte Lena nicht hinnehmen. Das kam gar nicht in die Tüte. Ein bisschen Leiden war o.k., Trauern, ja, aber nicht den Grund unter den Füßen verlieren!
Goethe starrte den Boden an, als gäbe es verborgenes Wissen in den Mustern zu erkennen. Er war wütend auf sie. Fast erwartete Lena, dass er sie gleich hinauswarf, um sich wieder allein seinen trüben Gedanken hingeben zu können, sich in seiner Traurigkeit zu suhlen.
Sie beschloss, einen Vorstoß zu wagen und kramte in ihrem Gedächtnis, hoffte, das Zitat noch genau im Kopfe zu haben:
"Bleibe nicht am Boden heften,
frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heiter'n Kräften,
überall sind sie zuhaus;
wo wir uns der Sonne freuen,
sind wir jede Sorge los;
dass wir uns in ihr zerstreuen,
darum ist die Welt so groß."
Sie hatte ganz leise angefangen und zuletzt etwas lauter die Betonung auf die letzten beiden Zeilen gelegt, hoffend, dass er ihr nicht sogleich die Türe wies.
Früher hatte sie ständig, wenn es sich in einem Gespräch ergeben hatte, irgendein Goethe-Zitat eingeflochten, immer zu seiner schnaubenden Erheiterung. Dabei war es gar nicht so einfach, denn es bot sich nicht wirklich oft eine passende Stelle! Viel öfter war es vorgekommen, dass sie einfach eines ausposaunte, wenn ihr eines in den Sinn kam, sei es mitten in einem seiner Sätze, und er in gespielter Entrüstung darüber wetterte.
Er warf sie nicht hinaus. Er sah sie schmerzhaft lächelnd an und antwortete:
"Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide."

Kommentare:

N(acht)W(ächter) hat gesagt…

Geschichten, die das Leben schreibt!!!???

mkh hat gesagt…

... Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz. Alle Freuden, die unendlichen, alle Leiden, die unendlichen, ganz. ...

Von einem bekannten deutschen Dichter, 1832 gestorben... ;-)

Meise hat gesagt…

@nachtwächter:
Eher indirekt. ;)

@mkh:
... dessen Geburtstag übrigens (wenn man das Geburtsjahr ein wenig durcheinanderwürfelt) genau auf meinen fällt. ... bzw. umgekehrt. ;)

mkh hat gesagt…

Den 28. August merken wir uns!

Meise hat gesagt…

:)