Sonntag, 7. Dezember 2008

Lena & Goethe - II

Lena erwischte eine Parklücke gleich vor seiner Haustüre. Als sie ausstieg, warf sie schonmal einen Blick nach oben. Er wohnte im ersten Stock links, in seinem Wohnzimmerfenster brannte Licht, die Gardinen hingen ein wenig wirr.
Sie klingelte.
Schon nach ein, zwei Sekunden summte der Türöffner und sie eroberte den Hausflur.
Wie immer roch es im Erdgeschoss merkwürdig nach kaltem Rauch, was aber zum Glück nicht bis in den ersten Stock reichte.
Er stand in dem Spalt der Türöffnung, richtiggehend an die Türkante angelehnt, als reiche seine Kraft nicht, frei zu stehen, oder als wolle er all das, was da draußen lauerte, mit seinem Körpergewicht in Zaum halten.
Als sie nähertrat und Hallo sagte, irgendwie schüchtern, wich er beiseite und ließ sie wortlos eintreten. Im ersten Moment wusste sie nicht, ob sie ihre Jacke ausziehen sollte, ob sie wirklich willkommen war, so hilflos stand er da, als wisse er selbst nicht, was ihm da zur Tür hereingeschneit sei.
Jetzt war sie sich sicher: ihm ging es nicht gut, er lief völlig neben der Spur.
Sie hängte ihre Jacke an einen Haken der Garderobe und sah ihn fragend mit hochgezogenen Brauen an.
"Ach so...," murmelte er. "Lass uns in das Wohnzimmer gehen."
Kaum dass sie saßen - sie auf dem Sofa und er auf der Armlehne eines Sessels - sprang er schon wieder auf. "Willst du etwas trinken?"
"Nein." schüttelte sie den Kopf. "Ich will wissen, was mit dir los ist."
Er sackte wieder zurück auf die Armlehne. Ihr schien, als hadere er gerade mit sich, dass er sie eingelassen hatte. Schließlich rang er sich eine Antwort ab. "Nichts ist mit mir los."
"Was soll das heißen: nichts? Ich seh doch, dass da was ist!" erwiderte sie streng.
"Neinnein, das ist es ja eben: nichts ist mit mir los. Ich hänge fest, komme nicht mehr weiter. Bin nutzlos..." Er schluckte und sie sah, dass er mit den Tränen rang.
"Wie meinst du das?"
"Susanne...," begann er, schluckte noch einmal und fuhr dann krächzend fort: "... hat mich verlassen."
Lena nickte. Ja. Sowas konnte einem das Ende von allem vorgaukeln. Das Ende der eigenen Lebensplanung, das Ende der Liebe, das Ende des eigenen Seins. Als sei man nur wer, wenn man denjenigen, den man sich ausgesucht hatte, um sich hatte, sicher und für alle vorzeigbar.
"Und darum bist du jetzt nutzlos?" bohrte sie nach.
Er wandte sein Gesicht ab, die Lippen zusammengepresst. Wahrscheinlich hasste er sie in diesem Moment.

Kommentare:

mkh hat gesagt…

In Wahrheit verlagert sich eine Weile der "Nutzen" im Außen zum Blick ins Innen - noch Jahre später meistens nützlicher als alles andere...

Meise hat gesagt…

Gut gesagt. :)

Frau Vivaldi hat gesagt…

..und wann gehts weiter..? ;-)

Meise hat gesagt…

Bald, bald... ;)