Sonntag, 30. November 2008

Lena & Goethe - I

Es war schon ziemlich lange her, dass sie das letzte Mal an ihn gedacht hatte.
Warum er ihr heute in den Sinn gekommen war, war ihr ein Rätsel und aus irgendeinem Grunde ging er ihr auch nicht mehr aus dem Kopf.
Sie waren Freunde gewesen. Gute Freunde eigentlich. Zwar hatten sie nicht den gleichen Freundeskreis besessen, sie hatten sich auch nicht oft getroffen, dafür aber ihre Gedanken und Gefühle miteinander besprechen, sich über Probleme austauschen können. Irgendwann war dieser meist telefonisch stattfindende Austausch aber eingeschlafen. Vielleicht weil sie beide jeweils mehr mit den eigenem Freundeskreis beschäftigt gewesen war, die sich nunmal nicht überschnitten hatten, über den Weg gelaufen waren sie sich auch nicht. Und Zeit vergeht schnell.
Wie gesagt, aus irgendeinem Grunde ging er ihr heute nicht aus dem Kopf.
Sie sollte ihn einfach mal anrufen, dachte sie. Das letzte Telefonat war sicherlich ein halbes Jahr her.
Sie zögerte. Irgendwie kam sie sich blöd vor, ihn so völlig ohne Anlass anzurufen. Sie hatte gar nichts zu berichten, wusste eigentlich gar nicht, was sie sagen sollte, sagen konnte, außer vielleicht "Ich hab an dich gedacht." oder das gern genommene "Wie geht es dir?".
Und ein bisschen hatte sie auch ein schlechtes Gewissen, schließlich hätte sie sich ja auch mal viel früher melden können. Allerdings galt das ja auch für ihn, dachte sie trotzig.
Egal. Wenn sie ihn nicht anrief, würde sie schlecht schlafen, das wusste sie genau, weil er weiter in ihrem Kopf herumspuken würde.
Sie setzte sich auf ihr Sofa, legte sich eine Decke über ihre kalten Füße und zog das Telefon zu sich heran. Sie nahm den Hörer ab und hielt inne. Wie war nochmal seine Nummer gewesen?
Wie konnte sie die nur vergessen haben, hatte sie sie früher nicht schon fast im Schlaf wählen können? Doch - jetzt fiel sie ihr wieder ein.
Sie wählte und hielt sich den Hörer ans Ohr. Es tutete. Oft.
Offensichtlich war er gar nicht zuhause.
Aber seine Handynummer zu wählen kam ihr noch viel blöder vor. Nur um "Hallo" zu sagen ihn aus irgendeiner Beschäftigung zu reißen oder gar in irgendeiner Kneipe oder Feier zu stören, kam für sie nicht infrage.
"Goethe." meldete sich plötzlich seine Stimme. Er klang müde, abgespannt.
"Ich bin's. Lena."
"Oh. Du bist's." Keine Überraschung. Nur Müdigkeit. Als bereite ihm das bloße Sprechen schon Mühe.
"Ich hab an dich gedacht." sagte sie.
"Ehrlich?" Jetzt klang er doch ein bisschen erfreut.
"Ja. Wie geht es dir?"
"Hm. Weiß nicht. Nicht so gut."
Diese Antwort bestätigte ihr, dass es gut gewesen war, den Anruf nicht auf Morgen verschoben zu haben.
"Soll ich vorbeikommen? Ich hab Zeit."
Er schien zu überlegen, denn sie hörte erstmal nur sein Atmen.
Dann: "Ja. Komm."
"Gut. Ich spring ins Auto und bin in einer halben Stunde bei dir."
"Ja."
Während der Fahrt machte sie sich Gedanken, was mit ihm wohl los sein könnte. Da war was im Busch. Bestimmt.
Es war schon dunkel und im Wagen wurde es nur langsam warm. Auf der Straße waren einige wenige Fahrzeuge unterwegs, es regnete leicht. Durch die hin und her tanzenden Scheibenwischer funkelten ihr die Lichter der Straßenlaternen und anderen Verkehrsteilnehmer entgegen. Ihr kroch eine Gänsehaut über den Rücken.

Kommentare:

Jay hat gesagt…

Sehr schön.

Meise hat gesagt…

Danke. :)

mkh hat gesagt…

Manchmal liebe ich Fragmente, die - kaum angefangen - alles offen lassen. Zuerst dachte ich, dies wäre auch ein solches kurzes literarisches Bruchstück, ohne Einleitung, ohne Ende, nur ein Auszug aus einem fktiven (?) Leben, nur eine Stimmung vielleicht. Aber Nein - es geht weiter, wie mir das erst nachträglich wahrgenommene "I" anzeigt. Ich bin gespannt.

Meise hat gesagt…

Ich mag es, einfach nur Augenblicke, Bruchstücke zu zeichnen. Hier allerdings sollte die (fiktive) Geschichte noch nicht enden. Mir schwebt da noch was vor, es ist aber noch nicht formuliert. Aber vielleicht dieses Wochenende? ;)