Dienstag, 18. November 2008

Flucht nach vorn

Sie war nie jemand gewesen, die klein beigab.
Sie hatte vor keiner Unbill des Lebens die Flucht ergriffen, hatte viele Abgründe gemeistert, war durch viele Täler der Trauer gestapft, hatte tapfer ihr Schicksal getragen, wo dies sie hart schlug. Sie war gefährlichen Zeiten mit widerborstiger Art entgegengetreten, hatte auch Glück gehabt. Sie hatte mehrmals die Liebe gefunden und sie auch wieder verloren. Sie hatte einen heißgeliebten Lebenspartner besessen, mit dem sie selbst nach seinem Tode noch sprach.
Doch jetzt wurde sie langsam müde.
Die alltäglichen Schmerzen, so lange schon ertragen, lasteten an so manchem Morgen bergschwer auf ihr, dass sie ihr Bett nicht mehr verließ. Jede Bewegung eine Bewegung zu viel.
Und immer die vielen Tabletten schlucken, wo ihr das doch so schwer fiel. Jedesmal. Immer wieder, jeden Tag mit Widerwillen diese verhassten Dinger den Hals hinunterquälen.
Jeden Tag, immer wieder darauf achten, dass sie genug trank.
Das Essenmachen "vergaß" sie manchmal einfach. Zu lästig. Zu aufwändig. Und wofür...
Alles war so schwer geworden, sie selbst, ihr eigener schmaler Körper zu schwer für die übriggebliebene kleine Kraft ihrer geschwundenen Muskeln.
Sie war müde.
So müde, dass sie sich manchmal, in verschreckten verhuschten Gedanken, die sie nicht denken wollte, fragte, ob die Flucht nach vorne nicht die bessere Wahl wäre...
Aber sie war nie jemand gewesen, die klein beigab...

Kommentare:

Jay hat gesagt…

Klingt nach einer traurigen alten Witwe, wie sie auch in meinem Haus leben. Ich habe einen besonderen Platz in meinem Herzen für diese Menschen.

mkh hat gesagt…

Die Flucht nach vorne. - Es wurden viele kluge Worte dazu geschrieben: Freitod, selbst den Zeitpunkt wählen, wann man sterben will und all das. Wenn ein Mensch dann in seiner Not tatsächlich vor dieser Entscheidung steht, ist das ganze Gerede eher dumm und klein. Dann, wenn es wirklich nur noch heißt: Leben oder nicht Leben...

Meise hat gesagt…

@jay:
Wirklich "traurig" wollte ich sie gar nicht klingen lassen. Sie hatte ein volles Leben, ein kämpferisches Leben. Aber der Kampf macht eben irgendwann müde, vor allem dann, wenn nichts mehr wirklich zu passieren scheint, nur noch der eine Tag dem anderen folgt und die alte Frau mit ihren Gebrechen alleine ist.

@mkh:
Wobei "nicht Leben" auch dadurch entschieden werden kann, dass man sich einfach weigert, sich weiter zu erhalten.

Klapsenschaffner hat gesagt…

Das Thema ist sehr groß und erdrückend... da mag ich gar nicht so viel zu sagen.
Nur, dass, wenn es denn mal legitimiert werden würde... mit allen Vorkehrungen. Also hohes Alter, kaum Lebensqualität, usw.
Dann käme sicherlich noch ein böser Mensch auf die Idee, wie man daraus auch noch Profit schlagen kann.
Soviel ist sicher.

Meise hat gesagt…

Das denke ich auch.

mkh hat gesagt…

@Klapsenschaffner
Es wäre wohl eine neue Kultur des Sterbens, denke ich, die in dem von dir angerissenen Fall eintreten würde. Man stelle sich vor: Neue Zeitschriften mit Titeln wie "Der Tod" und Würdevolles Ende" oder das Journal auf dem Esomarkt "Stirb achtsam". Webpräsenzen und Foren rund um´s Sterben. Allerlei Sterbedokus im Weblogformat. Ein ganzer Pharmaindustriezweig könnte diesen Markt zusätzlich erobern. Und jede Menge SPAM mit dubiosen mehr oder weniger tödlichen Medikamenten. Kontaktanzeigen mit Titel "Dein letzter Freund" oder "Finde deine Sterbebegleitung". Und last not least eine bunte Palette an Entertainmentinstitutionen aus dem vielfältigen Serviceangebot "Wir gestalten Ihre letzte Stunde". - Naja, diese Liste könnte man fortsetzen...