Sonntag, 7. September 2008

Weg.

Milli wollte raus. Einfach nur raus.
Und was tat sie? Sie schubste ihren Vorgesetzten tatsächlich beiseite, unterbrach damit seinen Sermon über ihre fehlende Motivation - er gab einen erschreckten Laut von sich und taumelte zurück - und stürmte aus dessen Büro. Ihr war es mittlerweile egal. Sollten sie sie doch kündigen. Sie hielt hier eh nichts mehr.
Auf dem Weg zum Aufzug hörte sie ihren Vorgesetzen noch erbost hinter sich herrufen. Sie überlegte es sich anders und nahm die Treppe. Sie wollte nicht, auf den Aufzug wartend und auf den Kommen-Knopf hämmernd, von ihm eingeholt werden.
Nach den ersten zwei Etagen hörte sie, wie über ihr eine Tür aufgerissen wurde. Sie spürte ein Prickeln den Rücken hinuntersausen und beschleunigte noch, ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie sah ihre Beine wie von selbst die Stufen hinab nehmen, in einem Stakkato, das sie fast zu Schemen verwischte. Oder waren es die Tränen, die ihr in die Augen gestiegen waren?
"Frau Lannig?"
Ihr Name schien von Wand zu Wand prallen und zu ihr herabzufallen. Sie hörte Zorn in seiner Stimme, vielleicht aber auch eine Spur Verunsicherung.
Milli warf ihren Kopf zurück und lachte. Ein kurzes, raues Lachen, das jedem der es hörte, klarmachen würde, dass sie sich nicht aufhalten lassen würde. Sie war schon über diese Schwelle hinweg, war darüber hinaus, sich noch Gedanken zu machen.
Nur weg.
Fort.
Und sie wusste auch schon wohin.
Irgendwas in ihr, das lange gegärt hatte, hatte sie auch dazu veranlasst, in kleinen Schritten alles vorzubereiten. Sie hatte beim Einkauf der einzelnen Teile nicht einmal daran gedacht, dass sie zusammen einem bestimmten Zweck dienen würden. Und doch... irgendwie hatte dieser Gedanke immer schon in ihrem Hinterkopf gesessen und auf den richtigen Augenblick gewartet.
Sie hatte alles parat: eine Taschenlampe, die sich durch Schütteln aufladen ließe, ein Schweizer Taschenmesser, ein größeres und schärferes Klappmesser, ein Kompass, ein Benzinfeuerzeug samt Nachfülldose, eine große Packung Streichhölzer, eine stoßfeste Trinkflasche, ein Schlafsack, ein kleines Zelt, das sie schon einmal probeweise aufgebaut hatte, ein Wanderrucksack und wind- und wasserfeste Kleidung. Ein bisschen Proviant würde sie sich unterwegs noch besorgen.
Sie würde weggehen.
Einfach weg.

Kommentare:

Jay hat gesagt…

Ersteinmal:
Ein schöner Text, macht appetit darauf mehr von Frau Lannig zu erfahren.

Dann:
"Ein kurzes, raues Lachen, das jedem der es hörte, klarmachen würde, dass sie sich nicht aufhalten lassen würde." hat mich an einen Piraten erinnert. :) Genau genommen an Kapitän Barbossa aus Fluch der Karibik 3 (bevorzugt im Englischen)als er in diesen Meeresstrudel reinfährt. Ehrlich gesagt eine sehr witzige Vorstellung so zu lachen, wenn man "Ärger" mit dem Chef hat.

Meise hat gesagt…

Vielen Dank. :)
Das Lachen stieg in ihr auf, weil der Ärger mit ihrem Chef an Bedeutung verlor. Er war der Auslöser, der sie dazu brachte, dem, was in ihr schlummerte, nachzugeben und ohne "Rückfahrkarte" ihre Reise anzutreten.

Jay hat gesagt…

Hehe.
Verstanden hab ich es schon, ich wollte dich nur an meiner Assoziation teilhaben lassen. ;)

Findest du man sollte bei Ärger mit dem Chef nicht wie ein Pirat lachen? ;)

meise hat gesagt…

In der Tat lässt mich diese Vorstellung ein wenig grinsen. ;)

N(acht)W(ächter) hat gesagt…

Netter kleiner Text!
Autobiogrphisch gefärbt? :-)

Rotfell hat gesagt…

sehr schön geschrieben. Gefällt mir! Bitte mehr davon ...

Meise hat gesagt…

@nachwächter:
Nein, lieber Wächter! Ich bin noch nicht vor meinem Chef davongerannt! Erst recht nicht so wie Milli, auf und davon!
Ich besitze zwar ein, zwei der aufgezählten Dinge, aber für solch ein Unternehmen wäre das wohl nicht ausreichend. *grins* Reines Gedankenspiel also. ;)

@rotfell:
Vielen Dank! :)
Mal sehen, wie und wann es mit Milli weitergeht... ;)